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Zeitgestaltung & Zeitschichtung

Zeitgestaltung

Die Zeitgestaltung in einem epischen Text ist durch das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit bestimmt. Dieses Verhältnis findet seinen Ausdruck im (variierende) Erzähltempo, das sich beschleunigen oder verzögern kann. Variationen im Erzähltempo ermöglichen nicht nur, eine lange Geschichte auf der begrenzten Seitenzahl eines Buches unterzubringen, sondern sie setzen auch inhaltliche Akzente innerhalb des Erzählten. Das Gewicht legt der Autor auf ausgedente, detaillierte Passagen, wenn er bei einer Person oder einem Thema verweilt oder ein Geschehen gleichsam in "Echtzeit" darbietet. Aber auch Aussparungen vermögen ein Geschehen eigens zu akzentuieren, gerade indem darüber sehr offensichtlich hinweggegangen wird. Um das epische Geschehen zu präsentieren, bedient sich der Autor verschiedener Gestaltungstechniken, die den zeitlichen Ablauf dehnen oder raffen können. Die Zeit der Erzählung kann mit der ihres Inhalts zusammenfallen oder sich "auch sternenweit von ihr entfernen" (Thomas Mann).


Die Zeitgestaltung im epischen Text:

Vorbild für die Struktur einer Geschichte ist, so banal es klingt, das Leben. Dessen nachahmende Darstellung, so heißt es in der "Poetik" des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), ist das Wesen der Kunst. Eine erzählte Geschichte hat einen Anfang und ein Ende und die Geschehnisse entwickeln sich in zeitlicher Abfolge. Doch anders als beim Drama, in dem nach Aristoteles die "Einheit der Zeit" gewahrt ist, also die Darstellung der Handlung und der Dialoge sich in genau der Zeit entfaltet, die sie auch in der Realität benötigen würde, ist der Autor eines epischen Textes freier im Umgang mit der Zeit.
Das Erzählen einer Geschichte verlangt nicht die Zeit, die das Geschehen in der Realität beansprucht. Andernfalls könnte man nicht in wenigen Wochen Heinrich Manns zweiteiligen Roman über "Die Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre" (1935-38) oder den Roman seines Bruders Thomas Mann "Zauberberg" (1924) über den siebenjährigen Aufenthalt Hans Castorps im Sanatorium lesen. In einem erzählenden (narrativen) Text spielt die Zeit also mindestens in zweifacher Hinsicht eine Rolle. Man unterscheidet also zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit.
In einem erzählenden Text, zumal in einem längeren, kann das Erzähltempo mehrfach variieren.


Zeitraffung

Das dargestellte Geschehen kann bei Weitem den Zeitraum übersteigen, den unser individuelles Erleben real ermöglicht. Durch Zeitraffung kann ein womöglich Jahre dauernder Vorgang zusammengefasst werden. Zeitabschnitte, in denen nichts geschieht, was die Handlung vorantreiben könnte, werden auf diese Weise übergangen. Da die meisten Geschichten einen größeren Zeitraum behandeln, als die Erzählzeit abdecken könnte, werden innerhalb eines Textes oft verschiedene zeitraffende Erzähltechniken verwendet. Die extremste Form der Zeitraffung ist der Zeitsprung; in der Erzählung wird einfach ein ganzer Zeitraum ausgelassen. Auch Begebenheiten, die sich immer wieder auf die gleiche Weise vollziehen, können zusammengefasst werden.